Hat Regensdorf Charme? «Ja», sagt Dario Huber, ohne lange zu überlegen. Es ist der rohe Charme, den Huber an Regensdorf schätzt: «Für mich hat der Ort etwas von einer englischen Industriestadt. Zum Beispiel Bristol.»

Huber zog als Jugendlicher mit seinen Eltern ins Furttal. Heute kann er sich kaum mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben. Und zu arbeiten: Als Leiter Hausdienst und Technik kümmert er sich für die Gemeinde um den Kindergarten auf dem Zwhatt-Areal und das Primarschulhaus Ruggenacher. Schon seine Eltern arbeiteten als Hauswarte im Schulhaus Ruggenacher.

Langer Bart, tätowierte Arme, eine Latzhose und fast immer auf dem Lastenvelo unterwegs: Dario Huber ist kaum zu übersehen. Er fährt kreuz und quer durch Regensdorf, repariert, organisiert und kennt viele Kinder beim Namen. Wer ihm besonders geholfen hat oder sich sonst hervortut, darf manchmal als Belohnung mitfahren – ein oder zwei Runden ums Schulhaus, vorne in der Ladebox seines Lastenvelos.

Stolz führt er durch den Kindergarten. Er zeigt nicht nur die grosszügigen, hellen Räume, die Arvenholzküche, den Retrokühlschrank oder die Sichtbetonwände, sondern auch die sorgfältig ausgewählten Lampen und selbst die Glühbirnenfassungen. «Da hat sich jemand über jedes Detail Gedanken gemacht», sagt er. Tatsächlich wirkt der Kindergarten wie eine moderne, geräumige Wohnung, in die man am liebsten sofort einziehen würde.

Dass der Doppelkindergarten auf dem Zwhatt-Areal etwas abseits des Schulhauses liegt, sei nie ein Problem gewesen. «Alle arbeiten gerne hier.» Für Huber ist das ein Zeichen dafür, dass das Quartier bereits funktioniert.

 

Ein neuer Blick aufs Wohnen
Auch die beiden Pensionäre Norbert Wild und Leopold Kern brauchten nicht lange, um sich einzugewöhnen. Vor wenigen Monaten zogen sie in den vierten Stock des Querbaus. Nach fast vierzig Jahren an der Hirschengasse im Zürcher Niederdorf beziehungsweise in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft in einer Villa mit Umschwung in Freiburg im Breisgau war der Umzug nach Regensdorf für sie ein grosser Schritt.

«Ich habe genau das gesucht», sagt Wild. «Einen modernen Grundriss, eine ganz andere Wohnsituation, etwas wirklich Neues.» Schon beim Betreten ihrer Wohnung wird klar, was er meint. Die Räume sind hell, offen und von zwei Seiten belichtet. Eine breite Doppeltüre verbindet Wohn- und Schlafbereich zu einem grosszügigen Raum. Das Réduit dient gleichzeitig als Kleiderschrank. «Von der Raumaufteilung her ist das extrem intelligent gelöst», sagt Wild. «Ich würde dem Architekten hundert Punkte geben.»

Obwohl die Wohnung nicht besonders gross ist, findet hier alles seinen Platz: Rückzug und Begegnung, Alltag und Gäste. «Man könnte problemlos einen Apéro mit zwanzig Leuten veranstalten», sagt Kern. Gleichzeitig gibt es genügend Nischen zum Lesen, Telefonieren oder einfach zum Nachdenken. Beide haben ihren Platz, wenn sie ungestört sein wollen.

Mindestens so wichtig wie die Wohnung selbst ist für die beiden der Blick nach draussen. Von ihrem Balkon schauen sie auf die Zwhatt-Wiese und den Zwhatt-Platz. «Ich wollte einen Ausblick haben, der einem etwas erzählt», sagt Wild. Und dieser Ausblick verändert sich fast täglich. Die Baustelle weicht langsam dem Leben. Neue Menschen ziehen ein. Kinder spielen auf dem Platz oder planschen im Brunnen. Nachbarinnen und Nachbarn lernen sich kennen.

Dass sie in Regensdorf gelandet sind, hatte zunächst vor allem mit dem angespannten Wohnungsmarkt zu tun. Heute würden sie diese Entscheidung jederzeit wieder treffen. Gemeinsam mit anderen Bewohner:innen organisierten sie kürzlich den ersten Zwhatt-Flohmi. Wünsche gibt es trotzdem noch: Einen gemütlichen Ort, an dem man entspannt durch diverse Medientitel blättern kann, zum Beispiel. «Und einen oder zwei Stockwerke höher würden wir auch noch ziehen», sagt Wild lachend. «Dann sähen wir noch mehr von der Wiese und dem Platz.»

 

Ein Quartier wächst zusammen
Mit ihrer Geschichte sind Wild und Kern nicht allein. Jessica Miranda Koller verbindet mit Zwhatt ebenfalls eine überraschende Erfahrung. Wie Wild lebte sie jahrelang im Zürcher Niederdorf. Und wie er kam sie nicht nach Regensdorf, weil es schon immer ihr Traum gewesen wäre. Sie kam, weil sie eine Wohnung suchte.

«Ich war skeptisch», sagt sie. Nach Jahren im Niederdorf und später in Zürich-Affoltern konnte sie sich nur schwer vorstellen, nach Regensdorf zu ziehen. «Ich wollte eigentlich in der Stadt bleiben.» Sie befürchtete, die Wohnungen seien klein und die Umgebung zu industriell.

Heute sieht sie das anders. Regensdorf entwickle sich rasant, sagt sie. Das nahe Einkaufszentrum decke alles ab, was sie im Alltag brauche. Vor allem aber habe sie schnell gemerkt, dass hinter Zwhatt mehr stecke als nur eine neue Überbauung. «Hier wird echt viel gemacht.»

Koller wohnt mit ihrer Labradorhündin Sarabi, die jeden Besuch schwanzwedelnd begrüsst, in einer Zweizimmerwohnung im vierten Stock des Holzhochhauses H1. Die Wohnung ist kompakt, bietet aber alles, was sie braucht: Platz zum Kochen, Arbeiten, Entspannen und Leben. Am Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer macht sie eineinhalb Tage pro Woche Homeoffice als Kursadministratorin einer grossen Logistikfirma.

Schon kurz nach ihrem Einzug begann sie, die Quartier-App intensiv zu nutzen. Zunächst verkaufte sie ein paar Habseligkeiten über den Marktplatz und besuchte Quartieranlässe. Dahinter steckt ein bewusstes Konzept: Die engagierten Siedlungscoaches Alexandra van Heerden und Severin Piller von Itoba begleiten die Entwicklung des Quartiers im Auftrag der Eigentümerschaft. Sie organisieren Anlässe, bringen Menschen zusammen und schaffen Gelegenheiten für Begegnungen.

Irgendwann stellte Koller selbst einen Aufruf online: Wer hätte Lust, gemeinsam joggen zu gehen? Rund zwanzig Personen meldeten sich. Heute trifft sich eine wechselnde Gruppe von vier bis fünf Personen mehrmals pro Woche – unter der Woche bereits um sechs Uhr morgens, am Wochenende etwas später. Inzwischen kennt Koller Menschen in allen Häusern. Sie geht mit Nachbarinnen ins Thaiboxen, füttert während der Ferien Katzen im Längsbau oder reist gemeinsam mit einer Nachbarin zu ihren Eltern nach Brasilien.

Vieles trennt Norbert Wild und Jessica Miranda Koller: rund dreissig Jahre Altersunterschied, berufliche Prägung und Lebensstil. Doch ihre Geschichten ähneln sich erstaunlich. Beide lebten im Zürcher Niederdorf. Beide kamen mit einer gewissen Skepsis nach Regensdorf. Beide fanden hier zunächst eine Wohnung – und wenig später ein Quartier, das sie aktiv mitgestalten. Jessica Miranda Koller formuliert es so: «Zwhatt ist, was man daraus macht.»

 

Text: Adrian Schräder
Bilder: Désirée Good

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