Der erste Eindruck weckt seltsame Assoziationen: Die langgezogenen Tiny Studios wirken wie die Kulisse eines Science-Fiction-Films. Chromstahlleitungen an den Decken, futuristische Kabinen, die man über Luken besteigt, metallbeschichtete Vorhänge. Der glänzende Stahl kontrastiert mit terrakottafarbenen Lehmwänden. Es ist eine futuristische Umgebung, die sich gar nicht futuristisch anfühlt. 

Wer in ein ehemaliges Büro zieht, rechnet mit vielem – aber mit so etwas? Das Konzept der Zürcher EMI Architekt*innen ist aus einem Forschungsprojekt an der ETH hervorgegangen und soll aufzeigen, wie freie Büroflächen einfach und modular in Wohnraum umgenutzt werden können. Hinter der lukenartigen Edelstahltür verbirgt sich das WC, hinter einem Vorhang die Dusche. Die futuristisch anmutenden, geschwungenen Module sind mit Heizschlangen versehen und mit Lehm beschichtet. Im Winter speichern sie die Wärme und geben sie langsam an den Raum ab. Es ist die moderne Interpretation des Kachelofens. 

«Ich habe zuerst gar nicht geschnallt, dass meine Wohnung überhaupt eine Heizung hat», sagt Mona Mathis und lacht. «Erst als es im Januar langsam richtig kühl wurde, habe ich das schwarze Kästchen mit der Steuerung entdeckt.» Seither hat sie nie mehr gefroren.

Dass die 20-Jährige einmal in einem architektonischen Vorzeigeprojekt wohnen würde, war nicht geplant. Für ihr Architekturstudium zog sie letzten Sommer von Luzern an die ETH Zürich und suchte vor allem eines: eine bezahlbare Wohnung. Und sie fand: die Tiny Studios. «Es hat sofort geklappt. Das war ein riesiger Glücksfall.» Heute bezahlt sie 680 Franken brutto im Monat – ein Preis, für den man in Zürich häufig gerade einmal ein WG-Zimmer findet.

Dem ehemaligen Büro sieht man seine Vergangenheit durchaus noch an. Die Wohnungen sind lang und schmal, die grossen Fensterbänder reichen fast über die gesamte Fassade. Doch gerade dieser offene Grundriss eröffnet Freiheiten. Statt Wohn-, Schlaf- oder Arbeitszimmer fest vorzugeben, überlässt das Konzept die Einteilung den Bewohner:innen.

 

Die Architekt:innen hatten zwar einen Vorschlag entwickelt, wie sich die drei Bereiche der Wohnung möblieren liessen: Am Fenster das Bett, in der Mitte das Wohnzimmer, im Eingangsbereich der Kleiderschrank. Mona entschied sich für ihre eigene Version. «Mein Bett dient gleichzeitig als Sofa», sagt sie. «Dafür habe ich einen richtigen Esstisch. Ich nutze ihn zum Essen, Lernen und Arbeiten.» Die grossen Vorhänge, mit denen sich einzelne Bereiche abtrennen und die Wärme im jeweiligen Raum halten liessen, nutzt sie kaum. «Ich lasse sie meistens offen. Mir gefällt es, wenn alles durchlässig bleibt.»

Gerade darin liege der Reiz der Wohnung, sagt sie. Man werde fast automatisch dazu angeregt, die eigenen Wohngewohnheiten zu hinterfragen. Was brauche ich wirklich? Wo halte ich mich am liebsten auf? Weil die Wohnung keine eindeutigen Antworten vorgibt, richtet sie jede und jeder anders ein.

Ganz ohne Kompromisse funktioniert das Wohnen im ehemaligen Bürogebäude allerdings nicht. «Man hört die Nachbarn recht gut», sagt Mona. Gleichzeitig sei genau daraus etwas entstanden, womit sie nicht gerechnet habe. Über die Gemeinschaftsküchen habe sie schnell Menschen kennengelernt. Ein guter Freund aus Luzern zog ebenfalls ins Zwhatt, gemeinsam wird gekocht oder gelernt. Und manchmal, erzählt sie, klopfe jemand spontan an die Tür und bringe ein Stück selbstgebackenen Kuchen vorbei. «Das ist schon ein Zwischending zwischen alleine wohnen und einer WG.»

 

Mittlerweile fühlt sie sich im Zwhatt zu Hause. Sie schätzt die Nähe zur ETH Hönggerberg und die schnellen Verbindungen ins Stadtzentrum ebenso wie den Katzensee und die Wälder, in denen sie für einen Halbmarathon trainierte. «Ich bin nicht nur wegen des Studiums hierhergezogen», sagt sie. «Ich baue mir hier mein Leben auf.»

Wie lange sie selbst in ihrer Wohnung bleiben wird, weiss Mona noch nicht. Sicher ist hingegen, dass sich das Haus in den kommenden Jahren weiter verändern wird. Auch die übrigen Geschosse sollen zu Wohnraum umgebaut, das Gebäude zudem aufgestockt werden. Die Tiny Studios bleiben bestehen – während rundherum weitergebaut wird. Was das für den Wohnalltag während dieser Zeit bedeutet, lässt sich heute noch schwer abschätzen. Mona hofft jedenfalls, bis zum Ende ihres Studiums bleiben zu können – also noch rund vier Jahre. Aus einer pragmatischen Lösung für den Studienbeginn ist längst mehr geworden als nur eine günstige Wohnung. Es ist ihr Zuhause.

 

Text: Adrian Schräder
Bilder: Désirée Good

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